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Interview by Bright Eyes Germany, erschienend bei metal-reviews.de

Tarja, die seit einiger Zeit hier in Deutschland wohnt, um ihr Studium abzuschließen, steht mir Rede und Antwort. Nachdem ich sie aber frage, ob sie das Interview schon auf Deutsch machen will, verneint sie vehement. Sie sei zwar jetzt schon einige Zeit hier in Deutschland und könne auch viele Wörter, aber letztlich einigten wir uns dann doch wieder auf ein Interview in Englisch.
"Ich wohne hier in Deutschland, weil ich nun mein Musikstudium abschließen möchte und da muss ich natürlich auch die deutsche Sprache einigermaßen beherrschen. Die Prüfungen in Musikgeschichte (dieses Wort spricht sie perfekt auf Deutsch aus!) und auch andere Fächer muss ich schließlich in Deutsch schreiben, deshalb habe ich schon vor etlichen Jahren, als ich noch in Finnland lebte, ein bißchen Deutsch gelernt. Es geht voran, ich lerne eben jeden Tag neue Wörter."

Als ich "Century Child" zum ersten Mal im CD-Player hatte, war ich mir zuerst nicht sicher, ob das tatsächlich auch Nightwish sind. Ihr geht ja ziemlich heftig zur Sache?
"Ich glaube, dass es ein sehr natürlicher Prozess war, uns musikalisch in diese Richtung zu entwickeln. Toumas schreibt die Musik, also ist er der eigentlich Hauptverantwortliche dafür. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon einige Zeit in Deutschland und eines Tages bekam ich die neuen Songs von Tuomas hierher geschickt. Als ich dann die Musik zum ersten Mal hörte, wußte ich erst auch nicht, was ich sagen sollte. Das ist einfach um einiges härter, aber mir macht das nichts aus, denn bisher habe ich sowieso schon so viele langsame Passagen gesungen. Das Besondere an `Century Child` sind aber die Texte, die wohl persönlicher von Tuomas sind, als alles zuvor. Als ich sie zum ersten Mal las, dachte ich nur, dass es Tuomas nicht sonderlich gut gehen konnte. Unsere Fans bewegen sich mit diesen Texten nicht mehr in dem bisher gewohnten Traumland, sondern in der knallharten Realität des Lebens."

Also "Slaying The Dreamer” ist auch ein sehr verrückter und gleichzeitig lustiger Songtitel?
"Es ist schon erstaunlich, aber ich konnte den textlichen Inhalt, der hier dahinter steckt, bisher auch nicht richtig einordnen. Mir ging es bei den neuen Songs grundsätzlich so, dass ich beim Lesen erst ein komisches Gefühl hatte. Ich spürte, dass eine ziemlich depressive Stimmung über den Zeilen schwebte und einen Song wie `Slaying The Dreamer` habe ich bislang noch nie gesungen. Es ist aus meiner Sicht tatsächlich einer unserer besten Songs überhaupt."

Ihr habt mit Marco Hietala jetzt auch eine zweite, eine männliche Stimme mit auf der Bühne. Ist das nicht plötzlich etwas komisch für Dich?
"Sicherlich war es anfangs eine komplett neue Situation für uns alle, aber Marco ist uns herzlich willkommen. Nachdem unser Bassist Sami Vanska Nightwish verlassen hat, kam Tuomas die Idee, jetzt einen neuen Bassisten zu suchen, der gleichzeitig auch gut singen kann. Ich glaube, das eröffnet uns einfach auch neue Möglichkeiten, vor allem bei unseren Live-Shows."

Ihr habt Euch u.a. auch das Musicalstück "Phantom Of The Opera” zur Brust genommen, was musikalisch ja sehr gut zu Nightwish paßt.
"Es war Tuomas‘ Idee, die er schon sehr lange mit sich herumträgt. Dieses Stück ist wie geschaffen für die Musik von Nightwish, nur hatten wir bisher niemanden, der den männlichen Part übernommen hätte. Als Marco dann zur Band kam, war es klar, dass wir nun endlich auch diesen Song aufnehmen können. Ich liebe dieses Lied schon seit ich es zum ersten Mal gehört habe, und da war ich sechzehn oder so. Das ist mir seither im Gedächtnis geblieben."

Jetzt wird es ernster. Du wirst nach der anstehenden dreimonatigen Welttournee definitiv eine längere Pause von Nightwish einlegen. Wird Dir das alles nicht furchtbar fehlen?
"Ich weiss, vielleicht mag das für unsere Fans so aussehen, aber für mich kommt die Pause mehr als gelegen. Ich hatte eine so glückliche Zeit mit Nightwish, denn in Finnland sind wir ja noch viel bekannter als im restlichen Europa, also ist auch der ganze Trubel um Nightwish um ein Vielfaches größer. So mußte ich dort sogar in TV-Talkshows auftreten und einmal sogar in einer Kochshow live kochen. Das war definitiv der schlimmste Auftritt überhaupt. Es war ein bißchen komisch, denn jedesmal, wenn ich meine Wohnung verließ, erkannten mich die Leute auf der Strasse und jeder sprach mich an. Das ist hier in Deutschland nicht so und deshalb fühle ich mich wahrscheinlich auch so wohl. Es ist eben ein komplett anderes Leben momentan. Die Distanz zu meiner Heimat Finnland tut mir gut."

Und was passiert, wenn Du Dein Studium fertig hast? Stehst Du dann wieder bei Nightwish am Mikro?
"Was später einmal sein wird, ist aus meiner Sicht noch völlig offen. Nightwish haben dann ja auch keinen Plattenvertrag mehr und die Zukunft von Nightwish ist deshalb momentan noch nicht klar."

Aber ich gehe mal davon aus, dass Deine Jungs ebenfalls eine Pause einlegen und auf Dich warten werden? Nightwish ohne Dich, kaum denkbar?!
"Ich weiss es nicht, ehrlich. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich denke auch, dass Nightwish ohne mich wohl auch nicht mehr wirklich Nightwish sein würden. Aber das sind alles Spekulationen."

Und was darfst Du dann mit Deinem abgeschlossenen Studium beruflich bzw. musikalisch alles machen?
"Ich darf dann z.B. das Fach `Liedgestaltung` (kommt wieder in perfektem Deutsch durch den Telefonhörer!) unterrichten. Ich kann mich an einer Oper bewerben oder mit einem eigenen Orchester spielen."

Aha, aber Nightwish haben sogar an der finnischen Endausscheidung zum Grand Prix d‘Eurovision teilgenommen?
"Ja das war eine coole Sache und ich kann das heute immer noch nicht ganz glauben, was da abgelaufen ist. Plötzlich waren wir im Fernsehen zu sehen und zuerst war es mehr Spaß, aber kurz vor unserem Auftritt sagte uns dann Tuomas, dass wir doch bitte ernst bleiben sollten. Eine Heavy Metal-Band beim finnischen Grand Prix im Fernsehen. Vom anwesenden Publikum bekamen wir die Höchstwertung, aber von der Jury natürlich nicht. Das hätten sie sich nicht leisten können, dass eine Heavy Metal-Band Finnland beim Grand Prix vertritt. So wurden wir immerhin Dritter."
Jeglichen Kommentar zur Deutschen Beteiligung bei diesem Festival des Schwachsinns erspare ich mir!

Wie sieht es denn mit Eurem Bekanntheitsgrad in den USA aus?
"Der Erfolg in USA nimmt auch stetig zu, ich merke das an der steigenden Zahl von e-Mails, die bei mir landen."

Du liest also Deine Fanpost komplett selbst. Beantwortest Du auch wirklich alle e-Mails?
"Oja, ich lese die Post, die an mich gerichtet ist, wirklich noch selbst, haha, aber ich kann natürlich nicht alle Briefe beantworten, das würde mittlerweile wirklich zu lange dauern. Früher habe ich tatsächlich jede Anfrage, die ich bekam auch persönlich beantwortet, aber da saß ich plötzlich runde vier Stunden pro Tag am PC. Irgendwann ist die Anzahl der Mails förmlich explodiert und somit nicht mehr zu bewältigen. Die Fans sollen mir bitte deshalb nicht böse sein und Verständnis haben."
Wer kann Tarja schon böse sein?