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Interview by metal-observer.com

Von NIGHTWISH dürfte inzwischen so ziemlich jeder Metal-Fan schon gehört haben, schließlich gehören sie zu den erfolgreichsten Bands des Genres, das aktuelle Album "Wishmaster" ist in Finnland bis zum Platinstatus gekommen, für eine Metal-Band doch etwas Außergewöhnliches. Ich konnte mir Mastermind Tuomas Holopainen schnappen, um ihm etwas auf den Zahn zu fühlen und es sind doch ein paar unerwartete Sachen ans Licht gekommen...

Im Vergleich zu "Oceanborn" ist die Musik von "Wishmaster" etwas weniger, hm, nun ja, "wild", etwas reifer. War das ein bewusster Schritt oder eher eine natürliche Entwicklung?

Ich denke, dass es ziemlich natürlich gekommen ist. Wir wollten einfach eine gute Fortsetzung zu "Oceanborn" machen, denn ich denke, dass wir auf diesem Album den Stil gefunden haben, den wir machen wollen. Wir wollten alles verbessern, denn obwohl ich immer noch denke, dass "Oceanborn" eine großartige Platte ist, mangelt es noch die guten Arrangements, hier und da singt Tarja zu hoch und so Sachen. Wir wollten alles nur etwas besser machen und meiner Meinung nach ist genau das eingetreten.

Ihr hättet es euch ja einfach machen können und einfach "Oceanborn 2" zu machen. Habt ihr irgendein negatives Feedback dafür bekommen?

Nein, zumindest nicht so herum. Ich war sehr überrascht und die größte Beschwerde die wir bekommen haben war, dass wir unseren Stil nicht genug verändert hätten. Sie haben alle mehr oder weniger geschrieben, dass wir ein zweites "Oceanborn" gemacht HABEN, aber trotzdem denke ich, dass es doch anders klingt.

Vor allem "Wanderlust" war ja im Kreuzfeuer der Kritik, dass es zu nah an "Oceanborn" stünde…

Ja. Wie "Gethsemane"…

...aber gleichzeitig hat "Crownless" nur Lob erhalten...

Ja, manche Leute wollen einfach etwas finden, das sie kritisieren können. Ich schätze das ist in Ordnung.

Tuomas, du machst beinahe die ganze Musik im Alleingang, wie komponierst du? Gibt es irgendeine Art "Formel" dafür?

Das hängt davon ab. Weißt du, ich habe am Anfang immer eine Idee, wovon der Song handeln soll. Ich kann nicht einfach anfangen zu spielen, wenn ich keine Ideen habe. Das ist die Basis, ich brauche eine Vision, so wie bei "Kinslayer" über das Colorado-Massaker. Dann versuche ich zu überlegen, wie ich das Ganze in die Musik übertragen kann. Ich weiß, es klingt etwas abgedroschen, aber so läuft es normalerweise.
Das erste, das ich in kreiere sind die Gesangslinien. Ich höre Tarjas Stimme in meinem Kopf, dann kommen die Akkorde und die Grundstruktur des Songs. Dann nehme ich alles mit in den Proberaum und die ganze Band arrangiert den Track, was eine ganze Weile dauert, denn wir wollen es, nun ja, perfekt machen. Erst danach fange ich damit an die Texte zu schreiben.

Hast du irgendwelche Probleme damit, die Gesangslinien für Tarja zu schreiben?

Überhaupt nicht, ich sehe sie einfach als normale, sehr gute Heavy Metal-Sängerin an, die halt nun mal eine Frau ist. Ich sehe darin keinen Unterschied. Aber das Witzige ist, dass "Wishmaster" die erste Platte ist, während der ich mir überhaupt Gedanken über ihr Stimmvolumen gemacht habe. Auf dem "Oceanborn"-Album habe ich überhaupt nicht daran gedacht und ihr nur gesagt, wie sie singen soll und sie sagte "Oh, ich kann das nicht singen, mache es eine Oktave tiefer." Es war dumm von mir, aber jetzt kenne ich ihr Volumen und ich kann die Songs dementsprechend machen (lacht).

NIGHTWISH begann als ein akustisches Folk-Projekt und ein paar der Melodien sind noch davon beeinflusst. Kommt das ganz natürlich oder versuchst du bewusst diese Melodien mit einzubeziehen?

Auch darüber denke ich eigentlich nie nach, weil ich mir keine Folk-Musik anhöre. Und auch keine klassische Musik, die Leute nehmen immer an, dass ich ein Klassik-Freak bin. Alles kommt ganz natürlich und ich mache es, damit sich der Song gut anhört.

Was hörst du dir dann normalerweise so an?

Ich höre viel Film-Musik, Soundtracks, ich liebe die bombastischen Kompositionen von Leuten wie Hans Zimmer, James Warner, Danny Elfman... Abgesehen davon höre ich alle Arten von Metal, Black, Gothic, Power, alles.

Du limitierst dich also in keiner Weise…

Nein, ich glaube nicht.

Woher beziehst du deine Inspiration, sowohl musikalisch als auch lyrisch? Gibt es irgendwelche Bands, Künstler oder Ereignisse, die dich beeinflussen?

Nun… (denkt nach) Mein eigenes Leben und meine eigenen Erfahrungen und Gefühle sind die Quelle für die meisten Songs. Ich bin ein sehr egoistischer Typ, ich schreibe alle Songs im Prinzip, um mich von meinen eigenen Gefühlen zu erleichtern, um meine eigenen Ideen und Visionen zu realisieren. Ich mache unsere Musik nicht, um als Retter der Welt oder so etwas angesehen zu werden, Leuten zu erzählen, dass sie mit der Umweltverschmutzung aufhören sollten oder sich nicht mehr gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, das ist nichts für uns.

Und woher kommt es dann, dass Du alles schreibst? Haben die anderen keine eigenen Ideen?

Nein, sie können soviel einbringen wie sie möchten, aber anscheinend sind sie mit dem, was ich mache zufrieden. Aber NIGHTWISH waren meine Idee, ich habe sie gegründet, insofern möchte ich natürlich alles in meinen Händen behalten, das Konzept, die Musik.

Du warst mit dem europäischen Cover von "Oceanborn" nicht zufrieden, wie sieht es denn mit "Wishmaster" aus?

Oh, ich bin sehr zufrieden. Wir waren auch mit dem Originalcover von "Oceanborn" sehr zufrieden, aber die deutsche Plattenfirma war es nicht und beschloss ein neues anfertigen zu lassen. Dieses mag ich überhaupt nicht, es ist dumm, es ist eher "Swampborn" oder "Corpse In The Swamp" oder so etwas.
Bei "Wishmaster" sind sowohl Cover als auch Inlay sehr gut.

Gibt es wieder eine Verbindung zum Titel?

Ja, es ist aber etwas verdreht, denn es reflektiert eher den Song "Dead Boy's Poem", obwohl das Album "Wishmaster" heißt.

Warst du von dem Erfolg, den "Oceanborn" und jetzt auch "Wishmaster" haben, überrascht?

Seeeeehr überrascht. Die ganze Sache ist von Anfang an steil nach oben gegangen und es ist so verblüffend. Denn ich hatte gedacht, dass diese Art der Musik sogar in der Metal-Szene nur eine sehr enge Nische hätte, aber "Wishmaster" hat in Finnland sogar Platin bekommen, ich kann damit noch gar nicht richtig umgehen. Was zur Hölle... Aber es macht mir nichts aus (lacht). Die Leute scheinen offener zu sein als ich dachte. Ich sollte aufhören die Leute ständig zu unterschätzen (lacht).

Und wie waren die Reaktionen außerhalb Finnlands?

Und wie sieht es in Nordamerika aus?

Das ist ein sehr schwieriger Markt und wir haben noch nicht soo lange einen Lizenzdeal für alle drei Alben, aber unsere Shows in Kanada waren alle ausverkauft, die Leute scheinen uns da drüben auch zu mögen (lacht).

Wo wir gerade von Lizenzdeals sprechen, ist "Angels Fall First" eigentlich jemals offiziell außerhalb Finnlands erschienen?

Ja, nachdem Spinefarm auch außerhalb Finnlands ein paar Vertriebsgeschichten hat, aber der Erfolg ist erst danach kommen, also…

Was hat sich für dich seit dem Erfolg von "Oceanborn" verändert? Sowohl privat als auch als Musiker.

Oh, ich musste mein Studium aufgeben und ich bin jetzt Vollzeitmusiker und das gefällt mir sehr. Es war eine sehr gute Ausrede, um mein Studium aufzugeben (lacht). Ich hatte einfach nicht mehr die Zeit alles unter einen Hut zu bringen. Insofern hat es mein Privatleben beeinflusst.
Als Musiker hoffe ich, dass ich mich immer weiter entwickeln kann, vor allem als Song-Writer. Auf das hoffe ich eigentlich am meisten. Ich denke nicht, dass ich so sehr ein Musiker oder auftretender Künstler bin, ich bin eher ein Komponist, das ist das, was ich liebe und was ich sein will.

Auf Tour, wie schafft ihr es Tarjas Stimme in Form zu halten? Ich könnte mir vorstellen, dass der Rauch und all das in den Clubs nicht das Beste für sie ist... Was tut ihr, um ihre Stimme zu erhalten?

Das ist immer etwas Schwieriges. Natürlich rauchen wir alle weder im Bus, noch backstage, es ist also nur auf der Bühne. Wir müssen halt Kompromisse eingehen, wie mehr freie Tage, damit sie sich erholen kann, drei Gigs, dann ein Tag frei und das ist das absolute Maximum. Sogar das ist schon fast zu viel für ihre Stimme. Für uns ist es kein Problem, aber es ist ein schmaler Grat für ihre Stimme...
Ihre Stimme ist sehr sensible und sie sagt selbst, dass der Stil, den sie in den Clubs singt mehr oder weniger ihre Stimme zerstört, weil er wesentlich anstrengender ist als die klassische Art.

Sollte Tarja einmal ein Engagement als Opernsängerin erhalten und deshalb NIGHTWISH verlassen, wäre das das Ende der Band oder würdet ihr nach einem Ersatz suchen?

Ich persönlich denke, dass wenn Tarja die Band verlassen würde, es das Ende einer ganzen Geschichte wäre, aber ich denke nicht, dass es ein so großes Problem wäre. Sie studiert jetzt im fünften Jahr an der Sibelius-Akademie, sie WIRD also eines Tages eine Opernsängerin sein, aber sie hat uns gesagt, dass sie NIGHTWISH so lange es geht machen will.
Wir denken nur ein halbes Jahr in die Zukunft und nicht weiter.

Vor NIGHTWISH warst du ja auch schon sehr aktiv, NATTVINDENS GRÅT, FURTHEST SHORE und DARKWOODS MY BETROTHED...

Ja, und dazu noch eine Jazz-Band mit zwei Alben...

Bist du noch in irgendeiner dieser Bands aktiv oder liegen sie komplett in der Vergangenheit?

Ich spiele noch als Session-Musiker bei DARKWOODS MY BETROTHED, das ist es dann aber auch schon, NATTVINDENS GRÅT gibt es nicht mehr und FURTHEST SHORE war nur ein Projekt eines Freundes.

Etwas das mir aufgefallen ist, bei all diesen Bands und auch NIGHTWISH waren immer nur die Vornamen angegeben. Gab es dafür irgendeinen bestimmten Grund?

Darüber habe ich noch gar nie nachgedacht… "Wishmaster" ist das erste, in dem auch die Familiennamen drin stehen, aber das ist mir auch noch nie aufgefallen, hm, seltsam...

Was ist deine persönliche Meinung zum Internet? Siehst du es als eine Chance der Promotion oder eher als Gefahr für die Szene wie wir sie kennen?

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn wir haben uns damit sehr viel beschäftigt, da wir ein großes Piraten-Problem mit "Wishmaster" hatten. Ich denke, dass das Internet in gewissen Bereichen sehr gut ist, wie Promotion, unsere Homepage ist sehr gut, man kann Proben aus neuen Stücken anbieten, aber es gibt auch immer diese große negative Seite, wie z.B. das gesamte "Wishmaster"-Album war noch vor der Veröffentlichung bei elf verschiedenen Adressen alleine in Finnland erhältlich. Das ist wirklich scheiße!

Und um das Interview zu beenden, wie immer, was ist deine Lieblingsfrage über NIGHTWISH, die dir noch nie gestellt worden ist, die du aber endlich einmal beantworten wolltest?

Noch nie gestellt… Puh…

Oder gibt es überhaupt noch Fragen, die dir noch nie gestellt worden sind?

Shit, da sind so viele… (lacht). Oh Mann… Niemand fragt mich je über Disney, obwohl wir auf "Wishmaster" einen Song haben, der komplett über Disney ist. Ich frage mich wirklich, warum mich nie jemand nach Disney fragt… Es ist eines meiner Lieblingsdinge auf dieser Welt!

Ist es eine Art Tribut an Disney?

Ja, "FantasMic" ist das, es macht zwar keinen Sinn, es sind einfach Teile aus den Filmen und Comics, aber ich wollte halt einen Tribut an Disney machen, einen wichtigen Teil meines Lebens.

Könnte es vielleicht sein, dass einfach keiner mitbekommt, dass es um Disney geht?

Könnte sein, aber ich war in allen Interviews eigentlich immer ziemlich offen darüber, normalerweise wenn man die Texte liest, sollte man es erkennen können...

Aber das ist ja oft das Problem mit Promo-CDs...

Ja, meistens haben sie keine Texte, ich hasse das! Ich mag es auch nicht, dass die Leute ihre Kritiken nur aufgrund der Promos schreiben, also nur mit der Musik, ohne Chance auch die Texte dazu zu lesen.